Wie fühlt sich der Druck an, die Welt retten zu müssen? Für viele junge Menschen in Berlin ist das kein theoretisches Frage, sondern eine tägliche Belastung. Georg Poensgen kennt dieses Gefühl genau. Der 27-jährige Aktivist aus Berlin-Mitte setzt sich dafür ein, dass Jugendliche diese Last nicht alleine tragen müssen. Sein Weg zeigt, wie lokales Engagement globale Wellen schlagen kann.
Poensgens Geschichte beginnt nicht in Berlin, sondern in Luxemburg. Dort gründete er mit sechzehn Jahren seine erste Initiative für psychische Gesundheit. Die Motivation war persönlich. „Ich sah in meinem Umfeld, wie viele junge Menschen kämpften”, sagt er. „Sie fühlten sich mit ihren Ängsten allein, besonders mit den großen Themen wie Klimakrise und Zukunftssorgen.” Diese frühe Erfahrung prägte seine Überzeugung: Junge Menschen brauchen sichere Räume, um über ihre Ängste zu sprechen, ohne sofort Lösungen präsentieren zu müssen.
Vor drei Jahren zog Poensgen nach Berlin. Die Stadt wurde zu seinem neuen Wirkungsfeld. Hier spürt er den Druck auf die Jugend besonders stark. „Berlin ist jung, divers und politisch”, erklärt er. „Gleichzeitig lastet hier auf vielen Schultern das Gefühl, immer aktiv sein zu müssen, immer perfekt zu funktionieren, und nebenbei noch den Planeten zu retten.” In Gesprächen mit Jugendlichen aus Neukölln, Kreuzberg und Prenzlauer Berg hört er immer wieder die gleichen Themen. Existenzängste, Zukunftsunsicherheit und das Gefühl, in einer kaputten Welt erwachsen werden zu müssen.
Poensgens Arbeit hat zwei wichtige Säulen. Die erste ist die direkte Arbeit mit Jugendlichen in Berlin. Er organisiert Workshops in Schulen und Jugendzentren. Dabei geht es nicht darum, fertige Antworten zu geben. Stattdessen schafft er Gesprächsrunden, in denen Sorgen einfach ausgesprochen werden dürfen. „Oft reicht es schon, zu hören, dass man mit seinen Ängsten nicht allein ist,” beobachtet er. Seine zweite Säule ist die politische Arbeit. Er bringt die Stimmen junger Berliner in größere Foren, zuletzt sogar vor die Vereinten Nationen in New York.
Sein Auftritt bei der Uno war ein Höhepunkt seiner Arbeit. Dort sprach er vor Diplomaten und Entscheidungsträgern. Seine Botschaft war klar. „Wir müssen die Erwartungen an die junge Generation neu justieren,” forderte er. „Es ist nicht fair, von Jugendlichen zu verlangen, die Fehler früherer Generationen alleine zu korrigieren.” Er berichtete konkret von den Gesprächen in Berliner Jugendclubs. Von der fünfzehnjährigen Lina aus Marzahn, die nächtelang wach liegt, weil sie Nachrichten über Klimakatastrophen liest. Von dem siebzehnjährigen Ben aus Moabit, der sich schämt, wenn er mal einen Tag nicht für politische Ziele kämpft.
Diese politische Arbeit wirkt auch zurück nach Berlin. Nach seinem Uno-Besuch nahm die Berliner Senatsverwaltung für Jugend Kontakt zu ihm auf. Gemeinsam arbeiten sie nun an einem neuen Angebot. Es soll Schulungen für Lehrer und Sozialarbeiter entwickeln. Ziel ist es, besser auf psychische Belastungen durch Weltgeschehnisse reagieren zu können. „Das ist ein konkreter Erfolg,” sagt Poensgen. „Die Politik hört zu, wenn junge Menschen ihre Erfahrungen klar artikulieren.”
Doch die größte Arbeit geschieht nach wie vor auf der Straße, in den Kiezen Berlins. Poensgen ist fast täglich unterwegs. Mal in einem Jugendzentrum in Wedding, mal in einer Gesamtschule in Lichtenberg. Er betont, dass mentale Gesundheit kein Luxusthema ist. „In Berlin hängen Bildungschancen, berufliche Zukunft und sozialer Frieden direkt mit dem psychischen Wohlbefinden junger Menschen zusammen,” sagt er. Wo Hoffnungslosigkeit um sich greift, wachsen auch Radikalisierung und Rückzug.
Was können Erwachsene, Eltern und Lehrer in Berlin konkret tun? Poensgen hat einfache Ratschläge:
- Zuhören, ohne sofort Ratschläge zu geben.
- Den Druck rausnehmen.
- Es ist okay, nicht jeden Tag die Welt retten zu wollen.
- Eigene Ängste und Unsicherheiten teilen.
- Die Narrative ändern.
- Von der „Generation der gemeinsamen Verantwortung” sprechen.
Seine Vision für Berlin ist eine Stadt, die junge Menschen stärkt, statt sie zu überfordern. Er wünscht sich mehr niedrigschwellige Beratungsangebote, die nicht nur auf schwere Krisen warten. Er fordert, psychische Gesundheit im Schulalltag genauso ernst zu nehmen wie Mathe oder Deutsch. Und vor allem wünscht er sich ein kollektives Umdenken. Die Klimakrise, soziale Ungerechtigkeit und politische Konflikte sind Gemeinschaftsaufgaben. Sie lasten nicht auf den Schultern einzelner Jugendlicher.
Georg Poensgen kehrt immer wieder nach Berlin-Mitte zurück, in seine Wohnung nahe dem Rosenthaler Platz. Von hier aus plant er seine nächsten Schritte. Ein Buchprojekt ist in Arbeit. Weiterhin wird er Schulen besuchen. Und er bleibt im Austausch mit der Politik. Seine Arbeit ist ein Beispiel dafür, wie lokales Engagement funktioniert. Man fängt im eigenen Kiez an, teilt seine Ideen, und schafft es so vielleicht bis in die großen Hallen der Weltpolitik. Die wichtigste Botschaft aber bleibt hier in Berlin. Junge Menschen müssen die Welt nicht allein retten. Sie dürfen um Hilfe bitten. Sie dürfen auch mal Pause machen. Und sie haben das Recht, in einer Stadt aufzuwachsen, die sie unterstützt, statt sie zu überfordern.
| Thema | Details |
|---|---|
| Initiativen | Psychische Gesundheit, Workshops |
| Standorte | Berlins Kieze: Neukölln, Kreuzberg, Prenzlauer Berg |
| Gesprächspartner | Jugendliche, Diplomaten, politische Entscheidungsträger |
| Wichtigste Botschaft | Gemeinsame Verantwortung, Unterstützung für Jugendliche |
| Ratschläge an Erwachsene | Zuhören, Druck rausnehmen, Narrative ändern |