Hamburg gehört zu den Vorreitern in Deutschland, wenn es um schnelles Internet geht. Die offiziellen Zahlen der Bundesnetzagentur zeichnen ein beeindruckendes Bild: 80 Prozent aller Privathaushalte in der Hansestadt haben eine Glasfaserleitung in ihrer Straße liegen. Nur die Stadt Bremen schneidet mit 86 Prozent noch etwas besser ab. Das bedeutet, dass die technische Voraussetzung für Internet, das Daten viermal schneller überträgt als die alten Kupferkabel, für die meisten Hamburger bereits vor der Haustür existiert.
Doch ein genauerer Blick auf die Stadtkarte offenbart tiefe Gräben zwischen den Bezirken. Während in Hamburg-Nord fast flächendeckende 92 Prozent der Haushalte angebunden sind, hinken die südlichen und östlichen Stadtteile deutlich hinterher. Im Bezirk Harburg sind es nur 70 Prozent, in Bergedorf sogar nur 68 Prozent. Besonders betroffen sind die ländlicheren Gebiete wie die Walddörfer im Nordosten. Diese digitale Spaltung hat konkrete Folgen für Familien, Homeoffice-Arbeiter und kleine Betriebe in diesen Vierteln und gefährdet langfristig den sozialen und wirtschaftlichen Zusammenhalt der gesamten Stadt.
Warum der Süden und Osten abgehängt werden
Die Hauptursache für diese Ungleichheit ist wirtschaftlicher Natur. Fabian Gerken von der städtischen Koordinierungsstelle Glasfaserausbau erklärt es deutlich: «Wenn wir im ländlichen Bereich Einfamilienhäuser haben, dann gibt es eben weniger Haushalte und es wird schwieriger, die Kosten zu decken.» Für private Telekommunikationsunternehmen ist der Ausbau in dicht besiedelten urbanen Gebieten wie Eimsbüttel oder Winterhunde einfach profitabler. Jeder Meter verlegtes Glasfaserkabel bringt dort mehr potenzielle Kunden als in den weitläufigen Siedlungen von Altengamme oder in den Walddörfern.
Der Staat darf aus wettbewerbsrechtlichen Gründen nur eingreifen, wenn der Markt komplett versagt. Aufgrund der insgesamt hohen Gesamtquote für Hamburg sieht die Stadtverwaltung derzeit keine rechtliche Grundlage für eigene, massive Fördermaßnahmen. Diese Haltung bleibt, obwohl der Anbieter Deutsche Glasfaser den weiteren Ausbau in Gebieten wie Bergedorf vor Kurzem abgesagt hat. Gerken setzt auf eine Art Trickle-down-Effekt: «Wenn die anderen Gebiete abgeschlossen sind, dann sollte es auch weiter in die Außenbezirke gehen.»
Für die Menschen vor Ort ist diese Wartezeit jedoch ein tägliches Problem. «Wenn schnelles Internet nicht zu den Menschen und Betrieben kommt, müssen die Menschen zum schnellen Internet pendeln», warnt Dirk Kannengießer, FDP-Fraktionsvorsitzender in Harburg. Er beschreibt eine absurde Situation: Statt von zu Hause aus im Homeoffice zu arbeiten, fahren Angestellte ins Büro, nur weil dort die Internetverbindung stabil ist. Schüler haben Probleme bei Videokonferenzen oder dem Hochladen von Hausaufgaben. Kleine Gewerbebetriebe, die auf digitale Dienstleistungen angewiesen sind, werden in ihrer Entwicklung gebremst. Diese digitale Benachteiligung führt zu mehr Verkehr, schwächt die Attraktivität der Außenbezirke als Wohn- und Arbeitsstandort und vertieft soziale Ungleichheiten.
Bürokratie als Bremsklotz?
Die Politik kritisiert neben der wirtschaftlichen Logik auch administrative Hürden. Die FDP moniert, dass Straßen teils mehrfach für verschiedene Baumaßnahmen geöffnet würden, Bauabschnitte nicht ausreichend gebündelt und Genehmigungen zu langsam erteilt werden. Diese Ineffizienzen treiben die Kosten für die Anbieter zusätzlich in die Höhe und machen Projekte in weniger profitablen Gebieten noch unattraktiver.
Aus der Verwaltung kommt dazu eine gemischte Antwort. Fabian Gerken von der Koordinierungsstelle entgegnet, eine Genehmigung dauere mittlerweile nur wenige Wochen. Seine Stelle agiere als Vermittler, die Ausbauprojekte mit den Anbietern und allen zuständigen Behörden – von der Polizei bis zur Feuerwehr – bespricht, um Konflikte zu vermeiden. Er räumt jedoch ein: «Es gibt noch mehr Verbesserungsmöglichkeiten.»
Tatsächlich hat die Stadt jüngst einige Maßnahmen angestoßen. Die Glasfaseranbieter haben nun Zugriff auf ein digitales Baustellen-Tool der Stadt. Dieses soll helfen, Arbeiten besser zu koordinieren und doppelte Baustellen zu vermeiden. Außerdem will die Stadt bei eigenen Bauprojekten, wie Straßensanierungen, häufiger Leerrohre mitverlegen. Diese leeren Rohre unter dem Asphalt würden es später enorm erleichtern und verbilligen, die Glasfaserkabel einfach durchzuziehen, ohne die Straße neu aufreißen zu müssen.
Die Ziele der Stadt und der Weg dorthin
Das offizielle Ziel des Hamburger Senats ist ambitioniert: Bis zum Jahr 2030 soll ein flächendeckendes Glasfasernetz in der gesamten Stadt verfügbar sein. Angesichts der aktuellen Lücken, besonders in Bergedorf und Harburg, ist das ein gewaltiges Vorhaben.
Die Frage ist, wie dieses Ziel erreicht werden soll, wenn der Markt in den Außenbezirken von selbst nicht tätig wird. Eine mögliche Lösung könnte in einer aktiveren Rolle der Stadt liegen. Andere deutsche Kommunen, die ähnliche Herausforderungen haben, gehen teilweise eigene Wege. Sie gründen kommunale Gesellschaften, die den Ausbau in weniger rentablen Gebieten vorantreiben, oder bieten private Anbieter gezielte Subventionen und vereinfachte Verfahren an, um die Wirtschaftlichkeit zu erhöhen.
Für die betroffenen Bürger in den abgehängten Stadtteilen bleibt vorerst nur Geduld und politischer Druck. Sie können sich an ihre Bezirksversammlungen wenden, um das Thema auf die lokale Agenda zu setzen. Bei geplanten Bauprojekten in ihrer Straße lohnt die Nachfrage bei der Behörde für Verkehr und Mobilität (Bezirk Hamburg-Bergedorf: 040 42891 2241), ob Leerrohre verlegt werden. Und nicht zuletzt ist die Wahl der Kommunalpolitiker, die sich konsequent für den flächendeckenden Ausbau einsetzen, ein wichtiges Instrument.
Die aktuellen Karten des Breitbandatlas sind eine deutliche Erinnerung daran, dass technischer Fortschritt nicht automatisch für Gerechtigkeit sorgt. Damit Hamburg nicht in eine Stadt der digitalen «Haves» und «Have-nots» zerfällt, muss die Politik die Rahmenbedingungen so setzen, dass der Glasfaserausbau nicht nur in den dicht besiedelten Zentren, sondern auch in den ländlichen Idyllen an der Stadtgrenze ankommt. Die digitale Daseinsvorsorge ist im 21. Jahrhundert eine zentrale Aufgabe der Kommune – und in Hamburg ist sie noch lange nicht erfüllt.
- 80 Prozent der Haushalte haben Zugang zu Glasfaser
- Nur 70 Prozent in Harburg
- 68 Prozent in Bergedorf
- Wirtschaftliche Ungleichheit als Hauptursache
- Politische Maßnahmen zur Verbesserung
- Ziel: flächendeckendes Glasfasernetz bis 2030
| Bezirk | Zugang zu Glasfaser (%) |
|---|---|
| Hamburg-Nord | 92 |
| Harburg | 70 |
| Bergedorf | 68 |
| Bremen | 86 |
| Eimsbüttel | Profitabler |
| Walddörfer | Unterversorgt |