Es ist Montagmorgen, 7:42 Uhr, auf der Rückseite des Kölner Justizgebäudes an der Luxemburger Straße. Ein metallisches Rattern durchbricht die Stille des frühen Morgens, als sich das schwere Rolltor langsam öffnet. Ein weißer Bus mit der Aufschrift „JVA Köln-Ossendorf“ rollt auf den Hof, hält vor dem Eingang. Das Tor schließt sich sofort wieder. Keiner soll entkommen können. Dann steigen sie aus: Männer in einfacher Kleidung, die Hände in Handschellen vor dem Körper gefesselt. Einer nach dem anderen. Sie sind gekommen, um sich vor dem Landgericht Köln für ihre angeblichen Taten zu verantworten. Doch bevor sie im Gerichtssaal erscheinen, verbringen sie Stunden, manchmal einen ganzen Tag, an einem Ort, den kaum ein Bürger je zu Gesicht bekommt: in der Vorführstelle im Untergeschoss des Gerichts.
„Den Namen, bitte“, heißt es am Tresen im Erdgeschoss. Die Beamten in dunkelblauer Uniform notieren die Personalien, prüfen Papiere. „In die drei“, ruft ein Wachtmeister dann einem der Neuankömmlinge zu. „In die vier“, beim nächsten. Es sind keine Zimmernummern eines Hotels, sondern Zellennummern. 28 karge Räume gibt es im Untergeschoss, wo die Angeklagten warten. Darunter Mörder, Vergewaltiger, schwer Betrüger und Gewalttäter. Ihre Prozesse beginnen meist um 9 Uhr. Doch der Gerichtstag fängt für sie schon viel früher an, oft mit dem Sonnenaufgang in ihrer Haftanstalt.
Hinab geht es über eine Treppe oder einen Aufzug. Die Atmosphäre ändert sich schlagartig. Das helle, offene Foyer weicht engen, weiß gekachelten Gängen mit schweren Stahltüren. Die Luft ist still, ein wenig kühl. Zelle 1, hinten im Trakt gelegen, ist ein Beispiel für sie alle. Sie versprüht den unverfälschten Charme der 1980er Jahre, seitdem wurde hier kaum noch etwas modernisiert. An den Wänden verlaufen halbhoch hellbeige Kacheln, darüber rauer Putz. In einer Ecke steht eine schmale, abgenutzte Holzpritsche, darauf liegt eine braune Woll-Decke, zusammengefaltet. Eine angeschraubte Tischplatte aus hellem Holz ist an der Wand befestigt. Darauf steht, sauber ausgerichtet, ein leerer weißer Plastikbecher. Durstige Gefangene können ihn an einem in die Wand eingelassenen Edelstahl-Waschbecken auffüllen. Alles ist robust, vandalismussicher. Denn Erfahrung lehrt die Beamten: In den früheren Jugendzellen einen Gang weiter wurde schon einmal eine Keramik-Toilette aus der Verankerung gerissen.
„Hier werden alle gleichbehandelt“, sagt Wachtmeister Andreas Schneider*. Seit 25 Jahren arbeitet er im Kölner Justizgebäude, die Hälfte dieser Zeit in der Vorführstelle. „Ob Prominenter oder unbekannter Kleinkrimineller, der Ablauf ist für jeden gleich.“ Berühmte und berüchtigte Gesichter hat er hier schon viele kommen und gehen sehen. Thomas Drach, der Entführer des Tabak-Erben Jan Philipp Reemtsma, musste hier in den langen Prozesspausen die Zeit totschlagen. Ebenso wie der damals wegen Steuerhinterziehung angeklagte Boxweltmeister Felix Sturm oder der Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi. Auch Rockergrößen sind hier Stammgäste. Ein ehemaliger Präsident eines bekannten Clubs wurde erst kürzlich per Einzeltransport gebracht, die Handschellen wurden ihm erst in der Zelle gelöst.
| Haftraum | Details |
|---|---|
| Zelle 1 | Unverfälschter Charme der 1980er Jahre |
| Temperatur | Kühl und still |
| Einrichtungen | Robuste, vandalismussichere Ausstattung |
| Hygiene | Desinfektionsmittel Geruch |
| Atmosphäre | Spannung und Nervosität |
| Prüfung | Gründliche Sicherheitskontrolle |
Ist die Prozedur überstanden, beginnt das Warten. Die Spannung ist bei vielen mit Händen zu greifen. „Die alten Hasen, für die es nicht der erste Prozess ist, sind meist am entspanntesten“, berichtet der Wachtmeister. „Die grüßen mit einem Lächeln, die Wachtmeister sind ja schon so etwas wie Bekannte.“ Ganz anders die „Neuen“. Sie seien zurückhaltend, ernst, redeten nicht viel. Die Unsicherheit über das, was kommt, sitzt ihnen im Nacken.
Kurz vor Prozessbeginn erhalten die meisten Angeklagten noch Besuch. Ihre Verteidiger kommen in die Vorführstelle, um letzte Absprachen zu treffen. Strafverteidiger Mike Hakner wartet dann oft schon am Empfang. In einem kleinen, schlichten Besprechungsraum mit Tisch und drei Stühlen bespricht er mit seinem Mandanten die Strategie für den Tag, bereitet ihn auf Fragen des Richters vor. Diese wenigen Minuten in relativer Privatsphäre sind für die Gefangenen oft ein kostbarer Moment der Normalität.
„Bitte den Angeklagten auf Saal 32“, schallt es plötzlich aus der Lautsprecheranlage. Eine Protokollführerin meldet sich, der Prozess beginnt. Jetzt muss es schnell gehen. Zwei Wachtmeister werden bestimmt. Sie geleiten einen mutmaßlichen Räuber durch die verwinkelten Gänge nach oben. Die Regel ist klar: Ein Beamter geht nie allein mit einem Gefangenen. Man muss gewappnet sein für einen möglichen Fluchtversuch oder Angriff, besonders in den engen Treppenhäusern. Die Wege sind so angelegt, dass sich Gefangene aus verschiedenen Verfahren nie begegnen können. Ein Verlaufen ist ausgeschlossen.
Während oben in den Sälen über Schuld und Unschuld, über Strafe und Maßregel verhandelt wird, kehrt unten in der Vorführstelle eine gespenstische Ruhe ein. Nur das leise Summen der Lüftung oder ein gelegentliches Husten aus einer Zelle ist zu hören. In den Prozesspausen füllen sich die Zellen wieder kurzzeitig. Der Mittagstransport bringt das Essen aus der Großküche der JVA Köln. Es gibt, wie fast jeden Tag, Eintopf. Ohne Fleischeinlage, aus Gründen der Logistik und der religiösen Vielfalt. Ein Häftling aus der Jugendanstalt Wuppertal-Ronsdorf bekommt sein eigenes Lunchpaket: acht Scheiben Toast mit Frischkäse, einen Apfel und ein Tetra-Pak Wasser. Seine Tagesration.
- Sicherheit hat oberste Priorität
- Alle Gefangenen werden gleich behandelt
- Individuelle Verhaltensweisen der Angeklagten
- Festgelegte Abläufe im Justizsystem
- Häufigkeit der Besuche von Verteidigern
- Seltene Zwischenfälle in der Vorführstelle
„Zwischenfälle sind selten“, sagt Wachtmeister Schneider. Die größten Konflikte entstünden oft aus Frustration. Weil ein Angeklagter seine Frau im Saal nicht umarmen durfte. Weil ihm eine gereichte Zigarette vom Anwalt wieder abgenommen werden musste. Dann fielen auch schon mal Schimpfwörter. „Meistens geht das zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus“, sagt Schneider gelassen. Anders wird die Sache bei eindeutigen Drohungen. Erst kürzlich, so berichtete diese Zeitung, soll ein mutmaßlicher Geiselnehmer einen Wachtmeister mit einer „schneidenden Geste am Hals“ bedroht haben. Solche Vorfälle werden sofort dem Vorsitzenden Richter gemeldet und haben disziplinarische Konsequenzen.
Am späten Nachmittag flaut der Betrieb langsam ab. Die Verhandlungen enden, die Abtransporte beginnen. Für manche Gefangene ist der Gerichtstag jedoch noch lange nicht vorbei. Sie müssen trotz frühen Prozessendes oft stundenlang in ihrer Zelle ausharren, bis der Bus zurück in ihre Haftanstalt fährt. Das Warten auf diese Rückfahrt kann zur Qual werden.
Doch es gibt auch die anderen Momente. Die, die die monotone Routine durchbrechen und selbst bei den abgebrühtesten Beamten ein kleines Lächeln hervorrufen können. Wenn ein Freispruch verkündet wurde. Wenn die Bewährungsstrafe ausgesprochen wird und der Haftbefehl aufgehoben wird. Dann wird der Gefangene aus seiner Zelle geholt, nicht für den Rücktransport, sondern für die Entlassung. „Die Menschen sind dann natürlich total happy und gelöst“, beschreibt Schneider diesen Wechsel. Die Anspannung der Wochen oder Monate fällt von ihnen ab. Oft können sie es selbst kaum glauben.
Der Wachtmeister drückt dem Entlassenen dann eine Fahrkarte für die Straßenbahn in die Hand. Das Rolltor öffnet sich ein zweites Mal an diesem Tag für diesen Menschen. Doch diesmal geht es nicht in den Gefangenentransporter, sondern hinaus auf den Bürgersteig der Luxemburger Straße. In die Freiheit. Häufig warten dort bereits Angehörige, breiten die Arme aus. Für sie alle endet hier der Weg durch die deutsche Justiz. Für die anderen, die in den Bussen zurück nach Ossendorf oder in andere Haftanstalten fahren, beginnt der Knastalltag von Neuem. Und in der Vorführstelle bereiten sich die Beamten schon auf den nächsten Morgen vor, auf das Öffnen des Rolltors um 7:42 Uhr.