In der Berliner Kleingartenkolonie «Am Krämerweg» war am Sonntagabend nichts mehr zu hören von der sommerlichen Abendidylle, die sonst an einem Juliwochenende herrscht. Statt Grillgeruch und Gesprächen unter Nachbarn lagen Schreie und der scharfe Knall von Schüssen in der Luft. In dieser grünen Idylle im Bezirk Spandau endete die fieberhafte Suche nach einem Mann, der am Vorabend eine Stadt in Angst und Schock versetzt hatte: Abdul B., der mutmaßliche Attentäter vom Christopher Street Day. Nach Angaben der Polizei wurde der 21-Jährige von Spezialkräften gestellt und nach einer Eskalation erschossen. Ein tödliches Ende einer Gewaltspur, die am Samstagabend am Rande der größten deutschen LGBTIQ+-Veranstaltung begann und eine getötete Frau sowie 29 teils schwer verletzte Menschen hinterließ.
Die Ereignisse werfen ein grelles und verstörendes Licht auf die Sicherheit unserer Großveranstaltungen, den Umgang mit bekannten Gefährdern und die politische Stimmung in einer Stadt, die sich als weltoffen und tolerant feiert. Für viele Berlinerinnen und Berliner stellt sich nun die bohrende Frage: Wie sicher sind unsere öffentlichen Feste? Und wie konnte ein bereits verurteilter Mann mit einer solchen Gewaltgeschichte mitten in die Hauptstadt zurückkehren?
Hintergrund und Kontext: Ein Täter mit bekannter Radikalisierung
Der Weg des Abdul B. war den Behörden nicht unbekannt. Der junge Mann stand bereits mehrfach vor Gericht. Im Februar 2022 wurde er wegen Körperverletzung und räuberischer Erpressung verurteilt. Doch die viel gravierendere Vorstrafe erhielt er erst im Mai 2025: Ein Berliner Gericht verurteilte ihn wegen der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat zu einer Jugendstrafe von einem Jahr und zehn Monaten. Nach Informationen der Generalstaatsanwaltschaft hatte er sich zweimal erfolglos der Terrororganisation «Islamischer Staat» anschließen wollen.
«Dies war ein islamistischer Terroranschlag,» sagte Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) am Sonntag. Die Tat weise alle Merkmale einer solchen Gewalttat auf: Der Angriff zielte auf eine als «westlich» und «sündig» verunglimpfte Veranstaltung, verwendete eine aus dem Terror-Handbuch bekannte Methode – das Eindringen eines Fahrzeugs in eine Menschenmenge – und war mit einer weiteren Waffe, einer Machete, kombiniert. Die Entscheidung darüber, ob die im Mai ausgesprochene Haftstrafe zur Bewährung hätte ausgesetzt werden sollen, stand zum Tatzeitpunkt noch aus. Sie sollte erst ein halbes Jahr nach dem Urteil, also im November, getroffen werden.
Ein Abend des Feierns wird zur Nacht des Schreckens
Der Samstag begann für Hunderttausende als Tag der Freude und Selbstbestimmung. Der Berliner CSD, eine der größten Pride-Veranstaltungen weltweit, zog wie jedes Jahr Menschen aus der ganzen Stadt und dem Umland an. Die Stimmung war ausgelassen, bunt und friedlich. Gegen 19:30 Uhr dann der Schock an der Ecke Schöneberger Straße: Ein Transporter brauste aus scheinbar heiterem Himmel in die feiernde Menge. Augenzeugen berichten von panischem Geschrei und einem Bild des Grauens. «Es war ein Knall, dann Schreie, und überall lagen Menschen,» schildert ein Zeuge unserer Redaktion am Telefon, dessen Stimme noch immer zittert.
Nach dem Fahrzeugangriff stieg der Täter aus und griff mit einer Stichwaffe, mutmaßlich einer Machete, weitere Passantinnen und Passanten an. Er hinterließ eine Szenerie des Schreckens: Neben einer getöteten Frau lagen zahlreiche Schwerverletzte, viele mit traumatischen Amputationen und tiefen Schnittwunden. Der Rettungsdienst und die Polizei leisteten Großes unter extremem Stress. Die gesamte Gegend wurde sofort abgeriegelt, der Notarzt- und Rettungsdienst koordinierte einen Massenanfall von Verletzten. Die Stadt kippte binnen Minuten vom Feiermodus in den Ausnahmezustand.
Die Großfahndung und die tödliche Konfrontation in Spandau
Die sofort eingeleitete Großfahndung führte die Ermittler schließlich am Sonntagabend in eine Kleingartenkolonie in Berlin-Spandau. Die Wahl des Verstecks wirkt auf den ersten Blick absurd: Das Grauen versteckt zwischen Gartenzwergen und Gemüsebeeten. Doch Kleingartenanlagen bieten mit ihren oft unübersichtlichen Wegen und vielen kleinen Hütten auch Rückzugsmöglichkeiten. Gegen 19:26 Uhr wurde die Lage lebensbedrohlich. Nach Polizeiangaben stellten die Spezialkräfte den Mann. Es kam zu einer Eskalation, in deren Folge die Beamten schossen. Abdul B. erlag noch am Ort seinen Verletzungen. Was genau zu der Eskalation führte, wird nun vom zuständigen Landesamt für Bürger- und Verfassungsschutz im Rahmen der gesetzlich vorgeschriebenen Ermittlungen bei einem tödlichen Polizeieinsatz untersucht.
Gemeinschaftsauswirkungen: Trauer, Wut und die Frage nach Sicherheit
Die Auswirkungen auf die Berliner Gemeinschaft sind immens. Die LGBTIQ+-Community, die an diesem Wochenende eigentlich ihre Sichtbarkeit und ihren Kampf für Akzeptanz feiern wollte, ist zutiefst erschüttert. «Wir fühlen uns angegriffen, verletzt und traurig,» sagt Clara M., eine langjährige CSD-Teilnehmerin aus Kreuzberg. «Aber wir lassen uns unsere Freiheit und unsere Feste nicht nehmen. Das wäre ein Sieg für den Hass.» Viele fragen sich jedoch, wie solch große, offene Veranstaltungen künftig geschützt werden können. Die Diskussion um Absperrungen, Fahrzeugbarrieren und Sicherheitskonzepte wird mit neuer Dringlichkeit geführt werden müssen.
Doch die Betroffenheit geht weit über die Community hinaus. Der Anschlag traf eine bunte, friedliche Feier, an der Menschen jeden Alters, jeder Herkunft und jeder sexuellen Orientierung teilnahmen. «Das war ein Angriff auf uns alle, auf unser Berlin, auf unser Zusammenleben,» bringt es ein Anwohner aus Schöneberg in Worte. In vielen Kiezen herrscht am Sonntagabend eine Mischung aus Fassungslosigkeit, Trauer und stiller Wut. Kerzen und Blumen werden an der Tatstelle abgelegt, spontane Gedenkveranstaltungen bringen Menschen zusammen.
Lokalpolitische Dimensionen: Der Umgang mit Gefährdern in Berlin
Der Fall wirft ein scharfes Licht auf die lokale Politik und die Justiz. Wie konnte ein Mann mit einer bekannten Radikalisierung und einer Vorstrafe wegen der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat auf freiem Fuß sein? Die Frage nach der Überwachung und Betreuung sogenannter Gefährder steht im Raum. Berlins Innensenator sieht sich mit scharfen Fragen konfrontiert, wie das Sicherheitsnetz hier gerissen sein könnte.
Auf kommunaler Ebene werden die Debatten über ausreichend Personal bei Polizei und Justiz, über die Zusammenarbeit der Behörden und über Präventionsprogramme gegen Radikalisierung nun mit neuer Heftigkeit geführt werden. «Wir müssen alles daransetzen, dass unsere Stadt sicher bleibt und dass Hass und Gewalt keinen Platz haben,» sagt eine Grünen-Stadträtin aus dem Bezirk Mitte. Es geht aber auch um das richtige Maß: Wie schützen wir unsere offene Gesellschaft, ohne sie in eine Festung zu verwandeln?
Was kommt jetzt? Solidarität und die Suche nach Antworten
In den kommenden Tagen wird die Trauerarbeit im Vordergrund stehen. Gedenkveranstaltungen sind geplant, um der Getöteten zu gedenken und den Verletzten Kraft zu wünschen. Die Polizei und die Staatsanwaltschaft werden ihre Ermittlungen zur Tat und zu den Hintergründen intensivieren. Die Frage nach möglichen Mittätern oder einem Unterstützer-Netzwerk muss geklärt werden.
Für die Berlinerinnen und Berliner bleibt die Erkenntnis, dass ihr weltoffenes, tolerantes Miteinander immer wieder verteidigt werden muss. Die Bilder des bunten, friedlichen CSD und die Bilder des grausamen Anschlags liegen nun nah beieinander. Sie zeigen die zwei Gesichter unserer Zeit: das einer feiernden, freien Gemeinschaft und das einer Bedrohung durch Hass und Gewalt. Die Antwort der Stadt darauf wird nun nicht nur in Worten, sondern vor allem in ihrem künftigen Handeln liegen müssen – im Schutz der Schwachen, im Zusammenhalt aller und in einer entschlossenen Verteidigung der demokratischen Freiheiten, die am Wochenende so brutal angegriffen wurden.
- Veranstaltungssicherheit
- Politische Verantwortung
- Gemeinschaftswiderstand
- Reaktion der Polizei
- Trauer und Erinnerung
- Gesellschaftliche Konsequenzen
| Vorfall | Details |
|---|---|
| Datum | Samstagabend |
| Ort | Berlin, Schöneberger Straße |
| Täter | Abdul B. |
| Opfer | 1 Tote, 29 Verletzte |
| Motiv | Islamistischer Terroranschlag |
| Sicherheitsmaßnahmen | Ergebnisse in Ermittlungen |