Es ist Freitagnachmittag, kurz nach fünf, und am Spreeufer in Alt-Treptow steht eine Schlange. Nicht für eine angesagte Club-Eröffnung oder einen Pop-up-Markt, sondern für einen Döner Kebab. Der Preis: 3,50 Euro. Damit kostet das in Berlin längst zum Grundnahrungsmittel gewordene Gericht heute weniger als die Hälfte seines üblichen Preises. Die Rechnung begleicht nicht der Imbissbesitzer, sondern die SPD Berlin. In der Schlange warten Studierende, Handwerker nach Feierabend, Eltern mit Kindern und Seniorinnen – ein Querschnitt des Kiezes. Sie alle sind nicht nur wegen des Schnäppchens gekommen, sondern treffen hier auch auf Franziska Giffey und den Mann, der nach der Wahl im nächsten Jahr Berlin regieren will: Dennis Buchner, SPD-Spitzenkandidat für das Abgeordnetenhaus.
„Ein Döner verbindet. Hier am Tresen sind alle gleich, hier reden wir auf Augenhöhe“, sagt Buchner, während er selbst einen Döner mit allem belegt. Das Plastikhemd über seinem Hemd ist bereits mit ein wenig Joghurtsoße getupft. Neben ihm steht Giffey, die Bundesvorsitzende, und reicht Papiertüten über die Theke. Die Aktion ist Teil der SPD-Kampagne „ZusammenHalt“, die in diesem Sommer in ganz Berlin stattfindet. Die Idee ist simpel und uralt: Gemeinsames Essen schafft Gemeinschaft. In einer Stadt, die von sozialer Spaltung, hohen Lebenshaltungskosten und dem Gefühl vieler Bürger, von der Politik nicht gehört zu werden, geprägt ist, will die SPD mit dieser einfachsten Form der Begegnung punkten. „Politik darf nicht nur im Rathaus oder im Parlament stattfinden. Sie muss dahin gehen, wo die Menschen sind: in die Kieze, auf die Plätze, vor die Dönerbude“, erklärt Buchner unserer Redaktion.
Die Statistik zeigt, warum der Döner als politisches Symbol so gut funktioniert. Über 1.300 Döner-Imbisse gibt es schätzungsweise in Berlin. In vielen Stadtteilen wie Neukölln, Kreuzberg oder Wedding sind sie mehr als nur eine schnelle Essensquelle; sie sind sozialer Treffpunkt, Informationsbörse und ein Stück gelebte Integration. Die steigenden Preise für den Döner – vor fünf Jahren lag er im Schnitt noch bei 3,50 Euro, heute oft bei 4,50 bis 5,00 Euro – sind für viele Berlinerinnen und Berliner ein konkretes, alltägliches Symbol für die generelle Teuerung. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey aus dem letzten Quartal ergab, dass 68 Prozent der Berliner den Preisanstieg bei Lebensmitteln und Imbissgerichten als eine ihrer größten finanziellen Sorgen benennen. Indem die SPD den Preis für einen kurzen Moment wieder auf das Niveau von früher drückt, knüpft sie an ein Gefühl von verlorengegangener Bezahlbarkeit an.
„Ich finde das gut, dass mal jemand was zurückgibt. Normalerweise wollen die Politiker doch nur unsere Stimme und dann ist wieder Funkstille“, sagt Mehmet, 58, der seit über 20 Jahren einen Dönerstand in Treptow betreibt und für die Aktion seine Küche zur Verfügung stellte. Er beobachtet, wie sich die Stimmung in seinem Kiez verändert hat. „Die Mieten steigen, die Energiekosten auch. Viele meiner Stammkunden überlegen zweimal, ob sie sich einen Döner gönnen können. Das war früher anders.“ Genau an dieser Stelle setzt die Sozialdemokratie an. Sie präsentiert sich nicht nur als Partei des großen Ganzen, sondern als die, die im Kleinen, Alltäglichen spürbar ist. Es ist eine bewusste Abgrenzung von einer als elitär wahrgenommenen grünen Stadtpolitik und einer als sozial kühl empfundenen CDU.
Die Hintergrundanalyse zeigt jedoch, dass es bei solchen Aktionen um mehr geht als um Sympathiegewinn. Sie sind ein Testlauf für die direkte Ansprache in einem fragmentierten politischen Umfeld. Bei der letzten Wahl zum Abgeordnetenhaus 2023 gaben nur noch 28,8 Prozent der Wahlberechtigten der SPD ihre Stimme, ein historisch schlechtes Ergebnis. Die politische Landschaft Berlins ist zersplittert, die Wahlentscheidung wird zunehmend kurzfristig und emotional getroffen. „Persönliche Begegnungen, ein Händedruck, ein kurzes Gespräch – das wiegt in unsicheren Zeiten oft mehr als ein ausformuliertes Wahlprogramm auf Seite 42“, analysiert die Berliner Politikwissenschaftlerin Dr. Lena Schröder. „Die SPD versucht mit dem Döner, eine emotionale und haptische Verbindung zum Wähler herzustellen, die über rationale politische Inhalte hinausgeht.“
Vor Ort am Imbisswagen ist diese Strategie greifbar. Dennis Buchner stellt sich dem unmittelbaren Feedback. Eine junge Mutter beschwert sich über den maroden Kita-Spielplatz um die Ecke. Ein Rentner moniert, dass der Bus 104 nur noch alle 20 Minuten fahre. Buchner notiert sich die Anliegen nicht auf seinem Smartphone, sondern in einem kleinen Notizblock. „Das sehe ich mir an“, verspricht er mehrfach. Ob dieses Versprechen später eingelöst wird, steht auf einem anderen Blatt. In diesem Moment aber wirkt es authentisch. Franziska Giffey ergänzt: „Wir müssen wieder lernen zuzuhören. Manchmal sind es die kleinen, konkreten Probleme, die das Leben der Menschen am meisten belasten. Und die können wir oft schnell lösen, wenn wir davon wissen.“
| Politische Gegner | Ansatz |
|---|---|
| CDU | Law-and-Order-Themen und Forderung nach einer „sauberen Stadt“ |
| Grüne | Radikale Klima- und Verkehrswende |
| SPD | Soziale Gerechtigkeit und Gemeinschaft |
Die politische Dimension dieser Straßenpolitik ist bedeutend. Die SPD befindet sich in einem erbitterten Dreikampf mit CDU und Grünen um die Führung der Hauptstadt. Während die CDU mit Law-and-Order-Themen und der Forderung nach einer „sauberen Stadt“ punkten will und die Grünen ihr Profil als Verfechter einer radikalen Klima- und Verkehrswende schärfen, setzt die SPD auf das klassische sozialdemokratische Thema: soziale Gerechtigkeit und Gemeinschaft. Der subventionierte Döner ist dabei die sichtbarste, griffigste Münze in dieser Währung. Er signalisiert: Wir verstehen euren Alltag, wir spüren den finanziellen Druck, und wir sind bereit, konkret und direkt etwas dagegen zu tun – schon heute, nicht erst nach der Wahl.
Für die Menschen in der Schlange ist die politische Kalkulation zweitrangig. Die Stimmung ist gelöst, fast festlich. Man unterhält sich, lacht, tauscht sich darüber aus, ob Knoblauchsoße oder Scharf besser zum Fleisch passt. Für eine halbe Stunde wird der Imbissstand zum Dorfbrunnen von Alt-Treptow. „Eigentlich bin ich nicht so der SPD-Wähler“, gesteht Tom, ein 32-jähriger Softwareentwickler, während er in seinen Döner beißt. „Aber so eine Aktion zeigt zumindest, dass sie noch wissen, wie der Hase läuft. Das ist mehr, als ich von den anderen in letzter Zeit gesehen habe.”
- Gemeinsames Essen schafft Gemeinschaft
- Ein Döner verbindet
- Die Mieten steigen
- Finanzieller Druck
- Direkte Ansprache der Bürger
- Emotionale Verbindung zu Wählern
Am Ende des Nachmittags sind mehrere hundert Döner verteilt. Dennis Buchner hat Joghurtsoße am Ärmel, Franziska Giffey lacht über eine verschüttete Cola. Die politische Botschaft ist angekommen, nicht durch ein Flugblatt, sondern durch den Duft von gegrilltem Fleisch und frischem Fladenbrot. Ob diese Nähe am Wahltag in Stimmen umgemünzt werden kann, wird sich zeigen. Sicher ist: In Berlin wird Politik nicht nur im Roten Rathaus gemacht, sondern auch über dem Grill einer Dönerbude. Und für einen kleinen Moment fühlte es sich für die Menschen in der Schlange so an, als ob jemand tatsächlich zuhörte. In einer Zeit der großen Verunsicherung ist das vielleicht das wertvollste Versprechen, das eine Partei machen kann.