Die Nachricht schlug in der Düsseldorfer Landespolitik wie eine Bombe ein: Jan Matzoll, grüner Abgeordneter und ein Gesicht des jungen, engagierten Politikertypus, tritt nicht wieder an. Der Grund, den er selbst nennt, ist kein Karrierewechsel oder politisches Kalkül, sondern Erschöpfung. „Ich war völlig fertig“, sagt er offen. Seine Geschichte ist mehr als eine persönliche. Sie ist ein Symptom für ein System unter Druck, das nicht nur in Düsseldorf, sondern in Rathäusern und Parlamenten im ganzen Land zu beobachten ist. Wo hört politisches Engagement auf und fängt gesundheitliche Gefährdung an?
Matzolls Entscheidung fiel nach Monaten des zermürbenden Drucks. Die konstante Erreichbarkeit über Smartphone und soziale Medien, die Hetze in den Kommentarspalten, die nächtlichen Sitzungen und die permanente Gratwanderung zwischen Parteidisziplin und Gewissen zehrten an seinen Kräften. „Irgendwann kommt der Punkt, an dem der Körper einfach Nein sagt“, so der Abgeordnete in Gesprächen mit Kollegen. Was er beschreibt, ist kein Einzelschicksal. Eine nicht-repräsentative Umfrage unter Kommunalpolitikern in NRW vom vergangenen Jahr zeigte, dass über 60% der Befragten schon einmal Symptome von Burnout oder schwerer Erschöpfung erlebt haben. Die Dunkelziffer, so vermuten Psychologen, die mit Mandatsträgern arbeiten, ist deutlich höher.
„Die Anforderungen sind heute anders, intensiver und allgegenwärtiger als vor zwanzig Jahren“, erklärt Dr. Lena Berger, eine auf beruflichen Stress spezialisierte Psychotherapeutin aus Köln. „Ein Lokalpolitiker ist nicht mehr nur am Donnerstagabend im Ratssaal präsent. Er ist eine 24/7-Figur in der digitalen Öffentlichkeit. Jedes falsche Wort kann sofort hochgekocht werden, jede private Pause wird als mangelndes Engagement ausgelegt.“ Dieser permanente Zustand der Alarmbereitschaft führe bei vielen zu Schlafstörungen, Angstzuständen und letztlich zu klinischer Erschöpfung oder Depression. Die klassischen Schutzräume – das Wochenende, der Familienabend – seien für viele in der Politik verschwunden.
Besonders betroffen sind oft diejenigen, die mit hohem Idealismus starten. Sie wollen etwas bewegen, stoßen dann aber auf die träge Realität von Verwaltungsapparaten, komplexen Haushaltslagen und oft auch auf eine aggressive, persönlich werdende Gegenöffentlichkeit. In Düsseldorf beobachtet man seit Jahren, wie der Ton rauer wird. Stadtteilversammlungen zu kontroversen Themen wie Verkehrswende oder Wohnungsbau kochen nicht selten hoch. Beschimpfungen und Drohungen, auch gegenüber Ratsmitgliedern, sind keine Seltenheit mehr. „Manche Kollegen tragen aus Sorge keine Namensschilder mehr zu bestimmten Veranstaltungen“, berichtet eine SPD-Stadträtin unter der Bedingung der Anonymität. „Das ist traurig, aber verständlich.“
Die Auswirkungen dieses toxischen Klimas gehen weit über das persönliche Leid der Betroffenen hinaus. Sie bedrohen den Kern unserer lokalen Demokratie. Wenn engagierte Menschen wie Jan Matzoll ausbrennen und gehen, geht wertvolles Wissen und Leidenschaft verloren. Noch bedrohlicher ist der abschreckende Effekt auf potenziellen Nachwuchs. Wer möchte heute noch in ein Amt gewählt werden, wenn damit die Aussicht auf permanente Überlastung und öffentliche Beschimpfung verbunden ist?
- Über 60% der Kommunalpolitiker erleben Burnout-Symptome
- Permanente Erreichbarkeit über digitale Medien
- Schlafstörungen aufgrund von Stress
- Hoher Idealismus trifft auf träge Verwaltungsrealität
- Öffentliche Beschimpfung als gängige Praxis
- Abschreckende Wirkung auf zukünftige Politiker
| Stadt | Maßnahme |
|---|---|
| München | Coaching- und Supervisionsangebot für Stadträte |
| Bremen | Ethik- und Beratungsstelle für Mandatsträger |
| Düsseldorf | Fehlende strukturierte Hilfsangebote |
Doch was kann getan werden? Einige Städte haben bereits begonnen, Gegenmaßnahmen zu ergreifen. In München etwa gibt es ein spezielles Coaching- und Supervisionsangebot für Stadträte, finanziert von der Stadt. In Bremen wurde eine „Ethik- und Beratungsstelle“ eingerichtet, an die sich Mandatsträger bei Konflikten und Belastungen wenden können. In Düsseldorf hingegen fehlen solche strukturierten Hilfsangebote bislang. Die Betreuung ist oft Sache der Fraktionen oder der Parteien – und damit nicht immer neutral und auch nicht verpflichtend.
Experten wie Dr. Berger fordern einen Kulturwandel. Dazu gehöre, klare Grenzen zwischen Amt und Privatleben zu setzen und diese auch von der Öffentlichkeit zu respektieren. Ratsmitglieder müssten lernen, dass sie nicht auf jede Nachricht um 22 Uhr reagieren müssen. Die Verwaltung könnte durch bessere Vorbereitung von Sitzungsunterlagen und straffere Abläufe Zeit und Nerven sparen. Vor allem aber sei die Gesellschaft gefragt. „Wir müssen wieder lernen, zwischen der politischen Position und der Privatperson zu unterscheiden“, so Berger. „Kritik an Sachfragen ist essentiell. Persönliche Vernichtung aber zerstört nicht nur Menschen, sondern am Ende auch die Qualität unserer demokratischen Debatte.“
Für Jan Matzoll kommt diese Erkenntnis zu spät. Sein Rückzug ist ein großer Verlust für die Grünen-Fraktion, die ihn als hardworking und prinzipientreu schätzte. Seine Geschichte sollte jedoch ein Weckruf sein. Nicht nur für Düsseldorf, sondern für jede Kommune. Die Gesundheit unserer Politiker ist keine Privatsache. Sie ist ein Gradmesser für den Gesundheitszustand unserer lokalen Demokratie selbst. Wenn Politik krank macht, wird am Ende die ganze Gesellschaft schwächer. Es ist an der Zeit, über Arbeitszeiten, psychologische Unterstützung und einen neuen Umgangston nachzudenken – bevor noch mehr gute Leute aufgeben.