Es ist diese Zeit im Sommer, die für Fußballfans in Köln und anderen Städten gleichermaßen gespannt erwartet wird: die Vorbereitung auf die neue Saison. Für den 1. FC Köln startet sie an diesem Freitag im Trainingslager in Kitzbühel, Österreich. Trainer René Wagner will dort die taktischen Grundlagen für eine möglichst ruhige und erfolgreiche Bundesliga-Saison legen. Doch schon vor der Abreise lastet ein erheblicher Druck auf dem Verein, der weit über die übliche Vorfreude hinausgeht.
Die Sorgenfalten auf der Stirn von Sportvorstand Thomas Kessler sind vermutlich tiefer als die in den österreichischen Alpen. Der Grund ist simpel, aber folgenschwer: Der FC Köln geht mit einem erkennbar unvollständigen Kader in die entscheidende Vorbereitungsphase. Zwei Schlüsselpositionen – der defensive Mittelfeldspieler (der „Sechser“) und der zentrale Stürmer – sind nicht ausreichend besetzt. Und das, obwohl die Verantwortlichen genau wussten, dass hier nach der vergangenen Saison dringend nachgebessert werden muss.
Intern hatte der Verein sich offenbar das Ziel gesetzt, bis zum Trainingslager-Beginn zumindest die zentrale defensive Position mit einem weiteren Top-Spieler zu verstärken. Dieser Plan droht nun zu scheitern. Zwar soll noch am Donnerstag der Transfer von Paul Okon-finally über die Bühne gehen. Der 21-jährige Australier vom Sydney FC war zuletzt wegen einer Grippeerkrankung verzögert worden. Experten sehen ihn aber zunächst nur als Ergänzungsspieler, nicht als die dringend gesuchte Verstärkung für die Startformation.
Nach wie vor im Fokus steht Ellyes Skhiri. Der 31-jährige Tunesier, der bei Eintracht Frankfurt spielt, gilt als Wunschkandidat für die Rolle des neuen Chef-Zerstörers im Mittelfeld. Doch eine Einigung mit dem Spieler und seinem Verein liegt noch nicht vor. Verhandlungen dauern an, und die Zeit wird knapp. Ein noch ambitionierteres Ziel, die Verpflichtung des mexikanischen WM-Stars Edson Álvarez, scheint aus finanziellen Gründen kaum noch realistisch. Der Preis für den 28-Jährigen übersteigt vermutlich die Möglichkeiten des Geißbocks.
Thomas Kessler hat, so heißt es aus Vereinskreisen, noch einen weiteren namhaften Spieler „an der Angel“. Doch auch bei diesem „Mister X“ ziehen sich die Gespräche in die Länge. Die Wahrscheinlichkeit, dass Kessler noch vor der Abreise nach Kitzbühel einen spektakulären Vollzug melden kann, wird von Beobachtern als gering eingeschätzt. Damit startet der FC in die Vorbereitung mit der gleichen Unsicherheit im defensiven Mittelfeld, die auch Teile der vergangenen Saison geprägt hat.
Das Transferproblem wird durch eine aktuelle Verletzungswelle noch verschlimmert. Mehrere Spieler sind angeschlagen oder fallen komplett aus. Jeff Chabot fehlt langfristig, auch Andersson ist nicht einsatzbereit. Im Mittelfeld sind mit Jan-Luca und vor allem mit Dejan verletzungsbedingt wichtige Optionen weggefallen. Das lässt die Tiefe des Kaders schmelzen und erhöht die Dringlichkeit, funktionsfähige Ersatzspieler zu finden, noch einmal deutlich.
Besonders kritisch ist die Situation im Sturmzentrum. Hier ist Ragnar Ache der einzige etablierte Top-Stürmer im Kader. Dass der Verein einen weiteren Spieler für diese Position braucht, war seit Monaten allen klar. Jetzt kommt hinzu: Ache kämpft noch immer mit den Folgen einer Muskelverletzung, die er im April erlitten hat. Bei den ersten Testspielen wurde er vorsichtshalber geschont. Am Donnerstag gegen Bergisch Gladbach soll er erstmals wieder kurz eingesetzt werden.
Trainer René Wagner betonte den behutsamen Umgang: „Ragy wird dabei sein, aber etwas kürzer spielen. Er kommt aus einer Verletzung, deshalb bauen wir ihn sauber auf und wollen, dass er eine Top-Saison spielt.” Diese Vorsicht ist verständlich, unterstreicht aber das Dilemma. Selbst wenn Ache fit ist, braucht der FC dringend eine hochwertige Alternative oder einen Konkurrenten. Die Erfahrung aus der vergangenen Saison hat gezeigt, dass weder Marius Bülter noch der junge Youssoupha Niang den Ausfall eines Stammstürmers auf Dauer kompensieren konnten. Die Offensivkraft ließ in entscheidenden Phasen der Rückrunde spürbar nach.
Die aktuelle Situation ist mehr als nur ein kurzfristiges Personalsproblem. Sie hat direkte Auswirkungen auf die gesamte Saisonplanung. Das Trainingslager in Kitzbühel dient dazu, die taktischen Grundmuster einzustudieren, die Fitness aufzubauen und als Mannschaft zusammenzuwachsen. Wenn in diesen entscheidenden Wochen wichtige Positionen nur notdürftig oder von Spielern besetzt sind, die vielleicht nicht einmal dauerhaft zum Kader gehören, bleibt diese Vorbereitung lückenhaft.
Trainer Wagner muss ohne seinen Wunsch-Sechser und ohne seinen zweiten Stürmer arbeiten. Das bedeutet, er kann sein geplantes Spielsystem nicht vollständig testen und die gewünschten Automatismen nicht etablieren. Neue Spieler, die vielleicht erst im August oder sogar nach Saisonstart kommen, haben dann den Anschluss an die Mannschaft und das taktische Verständnis verpasst. Sie starten mit einem Rückstand, der in der engen Bundesliga schnell zu kostbaren verlorenen Punkten führen kann.
Für die Fans am Rhein, die nach einer enttäuschenden Rückrunde wieder nach vorne schauen wollen, ist diese Ungewissheit frustrierend. Der Transferdruck ist also nicht nur ein internes Problem der Sportführung, sondern auch ein kommunikatives. Die Erwartungen waren nach den Ankündigungen einer „aktiven Transferphase“ geweckt worden. Bisher ist jedoch wenig Konkretes passiert, was die offensichtlichen Schwachstellen angeht.
Die Uhr tickt laut. Die Transferperiode läuft zwar noch bis Ende August, doch die ideale Zeit für Verstärkungen ist das Trainingslager. Jetzt muss Sportvorstand Kessler liefern. Die Verhandlungen müssen zu einem Abschluss gebracht werden, auch wenn das vielleicht bedeutet, Kompromisse einzugehen oder alternative Optionen stärker in den Fokus zu rücken.
Gleichzeitig muss die medizinische Abteilung alles daran setzen, die angeschlagenen Spieler fit für den Saisonstart zu bekommen. Jeder weitere Ausfall würde die angespannte Personalsituation ins Unerträgliche kippen.
Für die Stadt Köln und ihre Fußballbegeisterten ist der FC mehr als nur ein Verein. Er ist ein identitätsstiftender Teil des Gemeinschaftslebens. Die Leistungen auf dem Platz und die Entscheidungen in der Geschäftsstelle werden intensiv diskutiert, in den Kneipen der Veedel, in den Büros und in den Familien. Die aktuelle Transferlage ist daher ein Thema, das viele bewegt. Sie zeigt, wie herausfordernd der Profifußball in Zeiten begrenzter finanzieller Ressourcen geworden ist.
Die Hoffnung bleibt, dass Thomas Kessler und sein Team in den kommenden Tagen noch Überraschungen parat haben. Denn eines ist klar: Um in der Bundesliga nicht schon früh in den Abstiegskampf zu geraten, braucht der 1. FC Köln einen kompletten und konkurrenzfähigen Kader. Die Zeit, ihn zu formen, wird jetzt in Kitzbühel mit jedem Trainingstag weniger.