Düsseldorf stellt den Nahverkehr neu auf die Schiene
Die Verkehrswende ist eines der drängendsten Themen in Deutschlands Städten, und Düsseldorf stellt sich der Aufgabe mit einem ambitionierten Plan: einem neuen Nahverkehrsentwicklungsplan (NEP), der die Weichen für die kommenden 15 Jahre stellen soll. Doch dieser Plan unterscheidet sich fundamental von früheren Vorhaben. Die Landeshauptstadt Nordrhein-Westfalens hat sich entschieden, die Bürgerinnen und Bürger nicht nur am Ende um ihre Meinung zu fragen, sondern sie von der allerersten Minute an in den Prozess einzubinden. Den symbolträchtigen Auftakt machten dabei nicht Politiker oder Verkehrsexperten, sondern diejenigen, die die Zukunft des Nahverkehrs am längsten erleben werden: Kinder.
Im Südpark, einer grünen Oase im lebhaften Stadtteil Bilk, trafen sich jüngst Dutzende Kinder zu einem ungewöhnlichen Workshop. Ausgestattet mit Karten, Buntstiften und einer großen Portion Kreativität, malten sie ihre Traum-Routen für Busse und Bahnen. Ihre Wünsche waren konkret und unmittelbar: „Mehr Bahnen, die pünktlich sind“, „ein Bus, der direkt zur Schwimmhalle fährt“ oder „bessere Verbindungen zum Fußballplatz“. Diese kindlichen, aber erstaunlich präzisen Visionen bildeten den ersten Baustein für den neuen Nahverkehrsplan. „Wenn wir heute planen, dann planen wir für die Generation, die hier in 20 Jahren leben wird. Wer könnte da wichtiger sein als die Kinder?“ erklärt Verkehrsdezernent Jochen Kral gegenüber Nachrichten Lokal. Die Ergebnisse des Workshops fließen direkt in die offizielle Bürgerbeteiligung ein, die nun für alle Düsseldorfer startet.
Doch was bedeutet dieser neue Plan konkret für die über 600.000 Einwohnerinnen und Einwohner? Der bisherige Nahverkehrsentwicklungsplan stammt aus dem Jahr1480 und ist in vielen Punkten schlicht überholt. Seitdem ist die Einwohnerzahl gestiegen, neue Stadtteile wie der Medienhafen sind entstanden, und die Anforderungen an Klimaschutz und Barrierefreiheit haben sich radikal verändert. Der neue Plan soll nicht nur bestehende Linien optimieren, sondern eine grundlegende Neuausrichtung des gesamten Systems angehen.
Hintergrund: Warum Düsseldorf jetzt handeln muss
Die aktuellen Herausforderungen sind vielfältig und in der Stadt allgegenwärtig. Das Rheinland gehört zu den am dichtesten besiedelten Regionen Europas, und der Pendlerverkehr ist eine tägliche Belastungsprobe. Obwohl das Netz der Rheinbahn mit seinen 92 Bus- und 11 Stadtbahnlinien auf den ersten Blick dicht erscheint, klagen viele Nutzer über lange Taktzeiten am Abend und an Wochenenden, überfüllte Bahnen in Stoßzeiten und Lücken in der Verknüpfung zwischen einzelnen Stadtteilen. Besonders die äußeren Stadtbezirke wie Gerresheim, Garath oder Hellerhof fühlen sich oft abgehängt.
Hinzu kommen strukturelle Probleme: Bis 2035 wird für Düsseldorf ein weiteres Bevölkerungswachstum von rund zehn Prozent prognostiziert. Gleichzeitig hat sich die Stadt das ambitionierte Ziel gesetzt, den Anteil des Umweltverbundes – also die Summe aus Fuß-, Rad- und öffentlichem Verkehr – bis 2030 auf 75 Prozent aller Wege zu erhöhen. Derzeit liegt er bei etwa 66 Prozent. „Wir stehen vor der paradoxen Aufgabe, mehr Menschen zu befördern, das System dabei aber klimafreundlicher, schneller und zuverlässiger zu machen“, so ein Sprecher der städtischen Verkehrsplanung. Die finanziellen Rahmenbedingungen sind dabei eng gesteckt. Die Stadt rechnet mit Investitionen in dreistelliger Millionenhöhe über den gesamten Planungszeitraum, wobei ein Großteil der Mittel noch von Land und Bund beantragt werden muss.
Analyse: Die zentralen Baustellen und die Stimmen der Stadt
Der nun beginnende Beteiligungsprozess konzentriert sich auf fünf zentrale Handlungsfelder, die das Leben aller Düsseldorfer berühren:
- Verdichtung und Beschleunigung: Ein Hauptziel ist die Erhöhung der Taktfrequenz auf den Hauptachsen. Diskutiert wird die Einführung eines sogenannten „Sternverkehrs“ mit noch schnelleren Express-Linien, die die Innenstadt radial mit den Außenbezirken verbinden, während ein feineres Netz die Stadtteile untereinander verknüpft. „Ich pendle täglich von Rath nach Derendorf“, berichtet die 34-jährige Sarah M. „Wenn ich die Bahn verpasse, warte ich 20 Minuten. Das kostet Lebenszeit und nervt.“
- Barrierefreiheit und Komfort: Bis 2030 sollen alle Haltestellen und Fahrzeuge komplett barrierefrei sein. Das bedeutet nicht nur Niederflurbusse, sondern auch taktile Leitstreifen, akustische Ansagen und ausreichend Platz für Kinderwagen und Rollstühle. Rolf Becker, Vorsitzender des Behindertenbeirats der Stadt, betont: „Mobilität ist der Schlüssel zur Teilhabe. Eine Stufe an der Bahn ist für viele Menschen eine unüberwindbare Mauer.”
- Nacht- und Wochenendverkehr: Die lebendige Nacht- und Kulturszene in Stadtteilen wie Flingern oder der Altstadt kollidiert derzeit mit einem ausgedünnten Nachtnetz. Gastronomen und Kulturschaffende fordern seit Jahren verlässliche Verbindungen nach Mitternacht. „Unsere Mitarbeiter und Gäste müssen sicher und bezahlbar nach Hause kommen. Das ist gerade für junge Leute und Studierende ein riesiges Thema“
- Verknüpfung der Verkehrsmittel: Der Plan sieht vor, Bus und Bahn besser mit dem Rad- und Fußverkehr zu verzahnen. Konkret sollen an wichtigen Knotenpunkten wie den S-Bahn-Stationen Bilk oder Derendorf moderne, sichere und überdachte Fahrradparkhäuser entstehen. Stadtplanerin Dr. Lena Schmidt weist auf einen weiteren Punkt hin: „Die letzten 800 Meter zur Haustür sind oft das Problem. Wir brauchen mehr Quartiersbusse oder On-Demand-Angebote wie Ridepooling für diese letzte Meile, besonders in weniger dicht besiedelten Gebieten.”
- Digitalisierung und Tickets: Ein digitales, einfaches Tarifsystem, das auch die Nutzung von Leihrädern oder E-Scootern integriert, steht ganz oben auf der Wunschliste vieler Bürger. Die Einführung eines Deutschland-Tickets war ein erster Schritt, doch die Vernetzung vor Ort muss verbessert werden.
Die politischen Reaktionen auf den partizipativen Ansatz sind überwiegend positiv, doch es gibt auch kritische Töne. Während die Grünen und die SPD den frühen Einbezug der Zivilgesellschaft als „überfälligen Paradigmenwechsel“ loben, mahnt die CDU, dass die Wünsche der Bürger am Ende auch finanziert werden müssen. „Wir dürfen keine Versprechungen machen, die wir nicht halten können. Die Realisierbarkeit steht und fällt mit den Zuschüssen aus Berlin und Düsseldorf [gemeint ist das Land NRW]“, so ein CDU-Stadtratsmitglied. Die FDP wiederum pocht auf eine stärkere Einbeziehung der Wirtschaft, da zuverlässige Verkehrsanbindungen ein entscheidender Standortfaktor für Unternehmen seien.
Gemeinschaftsauswirkungen: Wer gewinnt, wer hat Nachholbedarf?
Die Auswirkungen des neuen Plans werden je nach Lebenssituation und Wohnort sehr unterschiedlich ausfallen. Familien in den sogenannten „Speckgürtel“-Gemeinden oder in den Außenbezirken könnten von verbesserten Schnellverbindungen in die City massiv profitieren. Senioren, die auf das Busnetz angewiesen sind, würden von einer verdichteten Taktung und garantierten Barrierefreiheit enorm im Alltag entlastet.
Besonders im Fokus stehen jedoch junge Menschen und Menschen mit geringem Einkommen. Für sie ist der öffentliche Nahverkehr oft die einzige verfügbare Mobilitätsoption. Eine zuverlässige, rund um die Uhr verfügbare und preiswerte Verbindung ist für ihre Bildungs- und Jobchancen, aber auch für ihr soziales Leben, existenziell. „Viele meiner Schülerinnen und Schüler haben Angst, nach einem späteren Sporttraining oder einer Lerngruppe keinen Weg mehr nach Hause zu finden“, erzählt eine Lehrerin eines Gymnasiums in Eller. Hier könnte der neue Nahverkehrsplan zu einem echten Instrument der sozialen Gerechtigkeit werden.
Kritisch beobachtet wird der Prozess von Anwohnern entlang möglicher neuer Trassen. Die Diskussion um eine mögliche Verlängerung der U-Bahn-Linie 83 nach Süden oder um neue Straßenbahnstrecken wird früher oder später Konflikte um Lärm und Flächenverbrauch aufwerfen. Die Stadtverwaltung verspricht, dass alle betroffenen Anliegen in den späteren, konkreten Planfeststellungsverfahren gehört und abgewogen werden.
Wie können die Düsseldorfer mitgestalten?
Die Bürgerbeteiligung ist bewusst niedrigschwellig und vielfältig angelegt. Bis zum Herbst 2023 können alle Interessierten ihre Ideen und Kritikpunkte auf einem digitalen Beteiligungsportal der Stadt einbringen. Dort werden auch die bereits gesammelten Ideen der Kinder aus dem Südpark dokumentiert. Parallel dazu finden in allen zehn Stadtbezirken Bürgerwerkstätten statt, in denen vor Ort über die spezifischen Probleme und Chancen diskutiert werden kann. Zudem wird es eine repräsentative Einwohnerbefragung geben, um auch diejenigen zu erreichen, die sich nicht aktiv in Online-Foren einbringen.
Die gesammelten Vorschläge werden dann von den Verkehrsplanern und der Politik ausgewertet und in einen ersten Entwurf des Nahverkehrsplans gegossen. Dieser Entwurf soll voraussichtlich Mitte 2024 der Öffentlichkeit vorgestellt werden – und dann beginnt die nächste Runde der Bürgerbeteiligung, in der es um die konkrete Bewertung und Priorisierung der Maßnahmen gehen wird.
Fazit: Eine Richtungsentscheidung mit Weitblick
Der neue Nahverkehrsentwicklungsplan für Düsseldorf ist mehr als nur eine technische Aktualisierung von Fahrplänen. Er ist eine Richtungsentscheidung darüber, wie lebenswert, gerecht und klimafreundlich die Stadt in den nächsten Jahrzehnten sein will. Der ungewöhnlich frühe und intensive Einbezug der Bürger, beginnend mit den jüngsten Bewohnern, sendet ein wichtiges Signal: Die Verkehrswende soll nicht über die Köpfe der Menschen hinweg geplant werden, sondern mit ihnen zusammen.
Die großen Herausforderungen – Finanzierung, Platzmangel, widerstreitende Interessen – bleiben bestehen. Doch der partizipative Weg erhöht die Chance, dass der finale Plan nicht nur in Schubladen der Verwaltung landet, sondern auf breite Akzeptanz in der Bevölkerung stößt. Letztlich geht es darum, den Nahverkehr vom lästigen Pflichtprogramm zu einem attraktiven Lebensmittel zu machen, auf das man sich freut. Die Kinder im Südpark haben ihre Vorstellung davon bereits bunt zu Papier gebracht. Jetzt sind alle Düsseldorfer am Zug, diese Vision mit Leben zu füllen.