In einem Truderinger Hinterhof toben sie durch die Volieren. Eichhörnchenkinder turnen an Seilen, verstecken sich in Kisten und schlafen kugelrund in ihren Kobeln. Diese Tiere haben Glück. Sabine Gallenberger hat sie aufgenommen. Seit 20 Jahren ist die Münchnerin eine erste Anlaufstelle für verletzte, verwaiste oder kranke Wildtiere in der Stadt. Ihre besondere Leidenschaft gilt den Eichhörnchen. Einige pflegt sie gesund und entlässt sie in die Freiheit. Andere, die nicht mehr überlebensfähig wären, finden bei ihr ein dauerhaftes Zuhause. «Jedes Tier hat seine eigene Geschichte», sagt Gallenberger, während sie Futter verteilt. «Manche sind aus dem Nest gefallen. Andere wurden von der Katze gebracht oder im Verkehr verletzt.»
Die Arbeit ist eine Herzensangelegenheit und ein Kampf gegen Vorurteile. Ein hartnäckiger Mythos hält sich in München: dass die heimischen roten Eichhörnchen von eingewanderten schwarzen Eichhörnchen verdrängt werden. «Das ist biologisch Unsinn», erklärt Gallenberger deutlich. Die schwarzen Eichhörnchen sind keine eigene Art. Sie sind eine Farbvariante des europäischen Eichhörnchens. In manchen Regionen, etwa im Schwarzwald oder in Teilen der Schweiz, sind sie sogar häufiger als die roten. Eine Verdrängung findet nicht statt. Die Farbe des Fells sagt nichts über die Herkunft oder Aggressivität aus. Die echte Bedrohung für alle Eichhörnchen ist etwas anderes: der massive Verlust von Lebensraum. Alte, höhlenreiche Bäume verschwinden in der Stadt. Gärten werden steril aufgeräumt. Das bedeutet weniger Nahrung und weniger sichere Nistplätze.
Ein weitaus größeres Problem als die Fellfarbe ist die Natur selbst. Eichhörnchen sind Einzelgänger und revierbildend. Ein starkes, gesundes Tier kann ein schwächeres durchaus aus einem guten Revier vertreiben. Das hat aber nichts mit der Farbe zu tun, sondern mit purem Überlebenskampf. «Wenn Sie ein abgemagertes, apathisches Eichhörnchen sehen, das sich von Menschen kaum scheut, dann ist das fast immer ein Tier in Not», so Gallenberger. Auch Jungtiere, die im Spätherbst noch sehr klein und allein unterwegs sind, brauchen dringend Hilfe. Sie haben es nicht mehr geschafft, sich die nötigen Fettreserven für den Winter anzufressen.
Die richtige Hilfe ist dann entscheidend. «Fassen Sie ein Eichhörnchen nie mit bloßen Händen an», rät die Expertin. Legen Sie es in einen Karton mit Luftlöchern und einem weichen Tuch. Stellen Sie den Karton warm und ruhig. Bieten Sie niemals Kuhmilch an. Die ist tödlich für die kleinen Säuger. Geben Sie stattdessen etwas Wasser mit einer Einmalspritze (ohne Nadel) an den Mundwinkel. Dann kontaktieren Sie umgehend einen Wildtier-Notdienst oder eine Auffangstation wie die von Sabine Gallenberger. Jede Stunde zählt.
Manchmal bringt das Schicksal auch besondere Gäste nach München. Wie den kleinen Siebenschläfer aus Königswinter bei Bonn. Das seltene Nagetier, oft «der Kobold des Waldes» genannt, war verwaist und benötigte spezielle Pflege. Da es in seiner Heimatregion keine geeignete stationäre Betreuung gab, kam es zu Gallenberger nach Trudering. Sie päppelt es mit spezieller Aufzuchtmilch auf, bis es kräftig genug für die Auswilderung ist. Der Fall zeigt, wie wichtig das Netzwerk von engagierten Pflegestellen ist. Sie schließen Lücken, die es in der flächendeckenden Versorgung noch immer gibt.
Sabine Gallenbergers Arbeit finanziert sich fast ausschließlich über Spenden. Jedes Futterpaket, jeder Tierarztbesuch, jede Voliere kostet Geld. «Die Leute denken oft, das ist ein Hobby. Dabei ist es anstrengende, rund um die Uhr verantwortungsvolle Arbeit», sagt sie. Wer helfen will, kann Sachspenden wie Nüsse, Obst oder spezielles Aufzuchtfutter bringen. Noch besser sind regelmäßige Geldspenden, denn sie geben Planungssicherheit. Oder man wird selbst aktiv: Ein naturnaher Garten mit heimischen Sträuchern, einer wilden Ecke und einem Wasserplatz hilft allen Wildtieren mehr als jede gut gemeinte, aber falsche Fütterung.
Am Ende geht es um unser Verständnis von Stadt. München wächst. Umso wichtiger wird es, Rückzugsorte für die tierischen Mitbewohner zu bewahren und zu schaffen. Das nächste Eichhörnchen, das Sie im Park sehen, könnte eines von Sabine Gallenbergers Schützlingen sein. Oder es könnte bald ihre Hilfe brauchen. Der Blick für die Not des Einzelnen und das Wissen um die größeren Zusammenhänge – beides gehört zusammen. So bleibt München nicht nur für Menschen, sondern auch für Eichhörnchen, Siebenschläfer und Hasen eine lebenswerte Heimat.
- Eichhörnchenkinder turnen an Seilen
- Alte, höhlenreiche Bäume verschwinden
- Die Farbe des Fells sagt nichts über die Herkunft aus
- Die richtige Hilfe ist entscheidend
- Jedes Tier hat seine eigene Geschichte
- Ein naturnaher Garten hilft Wildtieren
| Aspekt | Beschreibung |
|---|---|
| Art der Tiere | Eichhörnchen und Siebenschläfer |
| Arbeitszeit | Rund um die Uhr |
| Hauptfinanzierung | Spenden |
| Art der Hilfe | Kartons mit Luftlöchern und Futter |
| Bedrohungen | Lebensraumverlust |
| Besondere Gäste | Siebenschläfer aus Bonn |