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Nachrichten Lokal > Nachrichten > Berlin > Einbürgerungen in Berlin: Brinker kritisiert Anstieg und fordert strengere Kriterien
Berlin

Einbürgerungen in Berlin: Brinker kritisiert Anstieg und fordert strengere Kriterien

Julia Becker
Zuletzt aktualisiert: August 27, 2026 5:02 a.m.
Julia Becker
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In Berlin wohnen Menschen aus über 190 Nationen. Für viele von ihnen ist der deutsche Pass mehr als ein Dokument – er ist ein Zeichen der Zugehörigkeit, der Rechtssicherheit und der Teilhabe. Doch genau dieses Symbol steht im Zentrum einer hitzigen Debatte, knapp vier Wochen vor der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus. Auf einer Diskussionsrunde der „Berliner Morgenpost“ kritisierte die AfD-Spitzenkandidatin Kristin Brinker die stark gestiegene Zahl der Einbürgerungen scharf. „Die deutsche Staatsbürgerschaft – speziell in Berlin – wurde in den vergangenen Jahren massiv verschleudert“, sagte sie. Ihre Forderung: Es müsse viel genauer darauf geachtet werden, wer eingebürgert wird, und zwar nur bei entsprechenden Integrationsleistungen und guten Deutschkenntnissen.

Die Zahlen geben ihr zumindest einen Aufhänger: Nach Angaben des Amts für Statistik Berlin-Brandenburg erhielten im Jahr 2025 genau 39.041 Menschen in Berlin die deutsche Staatsangehörigkeit. Das ist ein dramatischer Anstieg von fast 80 Prozent im Vergleich zum Vorjahr 2024. Doch dieser Sprung ist keine überraschende Laune der Verwaltung, sondern die direkte Folge politischer Entscheidungen auf Bundesebene. Seit Juni 2024 gilt das modernisierte Staatsangehörigkeitsrecht, das Einbürgerungen unter bestimmten Voraussetzungen erleichtert und beschleunigt. Zudem wurden die Verfahren vor zwei Jahren in Berlin gebündelt: Das „Landesamt für Einwanderung“ ist nun zentral zuständig, nachdem zuvor die Bezirksämter die Anträge bearbeiteten – oft mit langen Wartezeiten und uneinheitlichen Standards.

Die Frage, die sich jetzt stellt, ist nicht nur eine statistische, sondern trifft den Nerv der Stadtgesellschaft: Wer darf dazugehören? Und wer entscheidet das? Für die einen ist die gestiegene Zahl ein Erfolg gelungener Integration und ein längst überfälliger Schritt hin zu einer modernen Einwanderungsgesellschaft. Für andere, wie Kristin Brinker, ist sie ein Beleg für eine gefährliche Verwässerung von Werten und Ansprüchen. „Es müssen entsprechende Integrationsleistungen vorliegen“, betonte sie in der Runde mit den Spitzenkandidaten von CDU, SPD, Grünen und Linken.

Doch was genau bedeutet „Integrationsleistung“ in einer Stadt wie Berlin? Ist es der erfolgreiche Abschluss eines Sprachkurses, der Nachweis eines Arbeitsplatzes oder die Teilnahme an einem Fußballverein in Neukölln? Oder ist es etwas Diffuseres, ein Gefühl der Verbundenheit, das sich kaum in Formularen abhaken lässt? Die rechtlichen Voraussetzungen sind klar definiert: neben einem mindestens achtjährigen rechtmäßigen Aufenthalt sind Deutschkenntnisse auf B1-Niveau, ein Bekenntnis zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung und die Fähigkeit, den Lebensunterhalt überwiegend selbst zu sichern, vorgeschrieben. Das neue Gesetz erlaubt unter anderem eine schnellere Einbürgerung nach nur fünf Jahren bei besonderen Integrationsleistungen, etwa hervorragenden Sprachkenntnissen oder ehrenamtlichem Engagement.

Bedarf für Einbürgerung Voraussetzungen
Rechtmäßiger Aufenthalt Mindestens 8 Jahre
Deutschkenntnisse B1-Niveau
Bekenntnis Zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung
Lebensunterhalt Selbst sichern
Besondere Integrationsleistungen Hervorragende Sprachkenntnisse, ehrenamtliches Engagement
Schnellere Einbürgerung Nach nur 5 Jahren

Aus der Sicht der Verwaltung ist der Anstieg schlicht ein Abarbeiten von angestauten Anträgen und eine effizientere Bearbeitung durch die Zentralisierung. Für viele Antragstellerinnen und Antragsteller aus Marzahn-Hellersdorf oder Spandau bedeutet die Einbürgerung aber etwas ganz Konkretes: endlich unbeschränktes Aufenthaltsrecht, das passive Wahlrecht auf kommunaler Ebene, die uneingeschränkte Arbeitnehmerfreizügigkeit in der EU und das Gefühl, nicht mehr nur geduldet, sondern erwünscht zu sein. Es geht um die Lehrerin aus Tempelhof, die endlich verbeamtet werden möchte, oder den syrischen Ingenieur aus Charlottenburg, der ein eigenes Unternehmen gründen will.

Kristin Brinker sieht diese persönlichen Geschichten vermutlich durch eine andere Brille. Ihre Kritik zielt auf ein grundsätzliches Verständnis von Nation und Zugehörigkeit ab, das sich an strengen kulturellen und sprachlichen Kriterien orientiert. In der Diskussion warb sie für eine restriktivere Handhabung, die den Pass als eine Art abschließenden Belohnungsakt für eine gelungene, fast vollständige Assimilation versteht. Diese Position trifft in Teilen der Bevölkerung auf Resonanz, wie die aktuellen Umfragewerte zeigen. In einer Erhebung des Instituts Forsa für „t-online” kam die AfD zuletzt auf 18 Prozent und liegt damit gleichauf mit der CDU.

Die anderen Parteien in der Runde verteidigten den aktuellen Kurs im Wesentlichen. Sie argumentieren, dass eine erfolgreiche Einwanderungsstadt wie Berlin von der Einbürgerung profitiert, weil sie gesellschaftlichen Zusammenhalt stärkt und Menschen eine Perspektive gibt. Sie verweisen darauf, dass die Hürden nach wie vor hoch sind und die Verfahren streng geprüft werden. Der Konflikt zwischen diesen beiden Lagern – einem, das Zugehörigkeit eher als Prozess der Öffnung sieht, und einem, das sie als exklusives Privileg begreift – wird die Berliner Politik noch lange beschäftigen.

Für die Wählerinnen und Wähler in Pankow oder Reinickendorf stellt sich nun die Frage: Welches Berlin wollen wir sein? Eine Stadt, die die deutsche Staatsbürgerschaft als logischen Schritt einer gelungenen Einwanderungsbiografie feiert und damit Menschen eine Heimat gibt? Oder eine Stadt, die die Hürden höher legt und den Pass nur als krönenden Abschluss einer streng geprüften Integration versteht? Die Antwort darauf geben die Berlinerinnen und Berliner am Wahltag. Die Debatte über die 39.041 neuen deutschen Pässe ist dabei nur ein Vorspiel für eine viel grundlegende Auseinandersetzung darüber, wie offen und wie gemeinschaftlich diese Stadt in Zukunft sein will.

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VonJulia Becker
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Julia ist eine engagierte Reporterin für den Süden Deutschlands mit Schwerpunkt auf München und Stuttgart. Sie schreibt über lokale Kulturveranstaltungen, das wirtschaftliche Stadtleben und Geschichten von Menschen, die ihre Region prägen. Ihre Beiträge zeichnen sich durch Nähe, Empathie und starke persönliche Perspektiven aus.
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